Notker Balbulus

Hymnenbuch
Osterkreis

Die Osterhymne

[N.12] "Laudes salvatori voce"

SPRACHE

Deutsch

Preislieder dem Heiland

töne unsre Stimme huldigend,

Und mit frommen

Melodien im Himmel

dem Herren, dem Messias jubeln wir,

Der sich selber

niedrig gemacht hat, um uns

Vertane, um die Menschen zu befrein.

Vom Leib den Ätherglanz

seiner Gottheit zugedeckt,

So liegt in der Krippe er

unter Windeln, mitleidsvoll

mit dem, der sein Gebot brach

und aus der Heimat

nackt aus dem Paradies gemußt.

Dem Joseph, Simeon

und Marien untertan,

So nimmt er Beschneidung an,

nach Gesetzes Opferbrauch

gereinigt wie ein Sünder,

er, der sonst unsre

Untaten zu vergeben hat.

Unter des Dieners Hand

tritt er zur Taufe

und trägt des Versuchers Tücke,

er meidet der Verfolger Steinigung.

Hunger erleidet er,

schläft und ist traurig,

er wäscht seinen Jüngern die Füße,

der Gott und Mensch, der Höchste Niedrige.

Und dennoch, unter alle

der Körpernichtigkeit

Blieb die Gottgewalt

nun und nie an ihm verhohlen:

Zeichen mancherlei

und die Lehren verrieten sie.

Wasser zur Hochzeit schenkt er

von Weines Wohlgeschmack,

Blinde Augen hat

er mit Licht hell überzogen,

fahlen Aussatz jagt

seine sanfte Berührung fort.

Leichen in Fäulnis weckt er auf

und heilt die Glieder,

die schwächlich sind;

Rinnenden Blutfluß hält er an,

und mit fünf Broten

spendet er Sättigung

den fünf Tausenden;

Tritt auf erregte Wasserflut

wie trocknen Boden;

er stillt den Sturm;

Stockende Zunge regt er an,

erschließt ertaubten

Ohren den Stimmenklang,

treibt das Fieber aus.

Und nach Wundern so wundergroß,

so zum Staunen,

Wird er willig in Haft getan

und verurteilt

Bis er gar der Kreuzigung

den Blick zuwandte –

Doch die Sonne von seinem Tod

den Blick abwandte.

Jetzt leuchtet der Tag,

den der Herr gemacht hat,

Den Tod zerstörend

und seinen Freunden

lebendig als der Sieger erscheinend:

Zuerst Marien,

darauf den Aposteln,

Die Schrift zu lehren,

das Herz zu öffnen,

damit sie sein Dunkel entriegelten.

Darum grüßen jetzt

den erstehenden

Christus alle Wesen froh:

Blume, Samenkorn

neuauflebend

sprießen, grünen, der Vogelschwarm –

weher Frost ist

ja gewichen – jubelt süß.

Heller leuchten nun

Mond und Sonne,

erst bei Christi Tode trüb.

Und die Erde blüht:

dem erstehnden

Christus dankt sie, die eben müd,

weil er tot war,

bebend zu vergehn gedroht.

Also lasset heute uns frohlocken,

denn uns hat den Lebensweg

erstehend aufgeschlossen Jesus!

Sterne, Erde, Meere mögen strahlen:

möge all der Geister Chor

im Himmel Freudengrüße bieten

dem Donnerer!

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Wolfram von den Steinen
Notker der Dichter und seine geistige Welt

Bern
1948